Mathias Fiege

Osta ca. 2000 - 12.06.2012

Der zweite Hund, der nach Kora in mein Leben trat, war Osta.

Der Umstand, wie sie zu uns fand ist geradezu kurios.

Folgendes war passiert..

 

Eines Tages, so wie jeden Tag ging ich mit Kora spazieren und traf unerwartet auf einen jungen Mann, der 4 Hunde bei sich hatte. Zwei der Hunde rissen sich los und rannten auf mich zu. Kora war Zeit ihres Lebens ein freiläufiger Hund und hatte niemals einen anderen angegriffen. Selbst aus Eigenschutz tat sie es nicht, ihre Präsenz war eigenartigerweise genug. Einer der beiden Hunde war nun die spätere Osta, der andere war ihr Bruder.
Der Halter der Hunde war, wie ich dann bemerkte, recht angetrunken. Da er jedoch nicht bösartig oder feindselig reagierte, half ich ihm die Hunde ein Stück des Weges noch zu begleiten.

Irgendwann sagte er mir, dass er noch ein wenig weiter mitlaufen wolle und im Laufe dessen erzählte mir der Mann, dass er zwei der Hunde abgeben müsse und ich mir einen der beiden jungen Hunde aussuchen dürfte. Er wohnte damals in einer Mietwohnung zusammen mit seinen Eltern und den vier Hunden. Osta und ihr Bruder waren das Produkt aus den beiden anderen Hunden, ein heller Schäferhund und ein weiblicher Mischling, an welche ich mich leider nicht mehr erinnere.
Dadurch, dass Ostara - der Name sollte angeblich von einer Göttin herrühren - ein unglaublich niedlicher Mischling war, die Lebensumstände des jungen Mannes für meine Verhältnisse ziemlich extrem waren und ich auch schon seit einiger Zeit mit dem Gedanken gespielt hatte, einen zweiten Begleiter für Kora und mich, zu finden, sagte ich dann zum Ende der Strecke zu.

Also holte ich Osta zu mir. Damals lebte ich selbst in einer Einraumwohnung, war jedoch durch meine Rückenerkrankung ständig zu Hause und bildetet mir ein, dass ich das schaffen würde. Impfausweis bekam ich, eine Hundemarke gab es nicht.

Das ganze ging eine Woche lang mehr schlecht als recht gut, Osta (Ostara fand ich zum Rufen einfach zu lang) gliederte sich ganz langsam ein. Eine Anekdote bleibt mir wohl für immer im Gedächnis: Für mein Abendbrot hatte ich mir in dieser ersten Woche ein Stück Käse gekauft, hatte den Abendbrottisch fertig gemacht und noch etwas im Kühlschrank vergessen. Als ich dann fertig war mit dem Essen fühlte es sich so an, als fehlte da irgend etwas beim Essen. Ich kam aber nicht drauf, was es war. 10-20 Minuten später, nach dem Abräumen fiel es mir dann wieder ein. Der Käse war verschwunden. Zuerst nahm ich an, ich hätte ihn im Kühlschrank oder im Einkaufsbeutel vergessen, dann überlegte ich und kam darauf, dass er auf dem Tisch gelegen hatte. Kora hatte nie etwas vom Tisch geklaut. Ich hatte also dann am Ende Osta den Käse gegönnt, lachte innerlich über die Rafinesse und vor allem über die Geschwindigkeit, mit der der Käse (ca. 250g) heruntergeschlungen worden sein muss.

Nach der einen Woche fragte ich meine Mutti, ob sie denn nicht einen Hund haben möchte, mein Rücken schmerzte dermaßen, dass ich teilweise kaum laufen, liegen oder stehen konnte. Mit Kora war es immer einfach umzugehen. Osta hatte aber vor allem und jedem Angst. Wir stellten auch schnell fest, dass sie scheinbar mit einem Besen oder ähnlichem geschlagen wurde, da sie beim Anblick von Besen und Schrubber quickend davonrannte und sich versteckte. Dieser Umstand lag aber scheinbar daran, dass die Vorbesitzer Osta nicht angeöhnt hatten, stubenrein zu sein. Dünn, beinah abgemagert, wie Osta war, war es eine Schande, diesen hübschen Hund und die arme Tierseele zu sehen.

Da meine Mutti gar nicht begeistert davon war, meintwe ich dann nur noch, dass ich Osta wohl ins Tierheim bringen würde. Entsetzt von dieser Idee, meinte meine Mutti dann, dass Osta ja im Keller wohnen könnte. Ich ließ es zu, obwohl ich wusste, dass dies nicht klappen konnte. Osta war der Typ Hund, der nicht allein bleiben konnte. Anfangs jedenfalls. Als ich dann also am nächsten Tag wieder bei meiner Mutti war, lief Osta im Haus herum und war nicht mehr im Keller gefangen. In der Nacht hatte sie so viel Krach gemacht, dass Mutti sie dann zu sich geholt hatte. Das war natütlich eine gewaltige Umstellung für beide, in den Jahren jedoch hat sich das aber sehr gut entwickelt.

Einmal, das war die zweite Woche etwa, rief mich meine Mutti an und war aufgelöst, weil Osta weg war. Das Tor war offen und sie ist wg gerannt. Also bin ich mit Kora hingefahren und wir haben Osta gesucht. Inzuitiv bin ich mit dem Auto zu ihrer alten Wohnung gefahren und dort fand ich sie auch. Zum Glück konnte ich sie zurück ins Auto locken, habe in keiner Weise geschimpft, sondern sie beruhigt. Entweder hat das geholfen, oder der Umstand, dass sie einen Ruhepol in uns gefunden hatte. Das war das erste und einzige mal, dass sie zu ihrem alten Leben zurück wollte.

Eine andere erwähnenswerte Beobachtung meinerseits war, dass Osta scheinbar kaum gelaufen ist. Sobald es mit meinem Rücken gut genug war, war ich mit Kora untwerwegs. Nicht nur ein Stündchen, sondern einen halben oder einen dreiviertel Tag lang im Sommer. Osta kam nun auch immer mit. Irgendwann bemerkte ich, dass die kleine langsam lief und ganz leicht humpelte. Die Fußsohlen waren total blutig gelaufen. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Nach einigen Wochen war das aber zum Glück vorüber.

Osta war eigentlich immer das Gegenteil von Kora. Letztere war forsch, aber niemals bösartig. Böse war Osta auch niemals gewesen, sondern immer zurückhaltend und ängstlich. Ihre Angst legte sich zu etwa 95% im Laufe der Zeit, in der sie bei uns war. Nur in ganz bestimmten Fällen trat sie noch hervor.

Ihre starke Zurückhaltung machte sie nun wiederum angreifbar, was wohl auch am Ende zu Ihrem traurigen Tod führte. Bei meinem Vati auf einem Dorf gab es einen Pferdehof, den wir gerne als kleinen Zwischenspaziergang umrundeten. An jenem Tag nun gingen mein Bruder und ich mit den beiden Vierbeinern wieder dort entlang. Unerwartet und unbemerkt von mir rannte ein schwarzer Labrador auf uns zu und verbiss sich im Bauch von Osta. Durch den Schwung wurde sie umgeworfen. Instinktiv reagierte ich und der Labrador ließ ab von Osta, rannte dann auch wieder weg. Osta jedoch war meiner Ansicht nach pa­ra­ly­sie­rt und unter Schock. Das traurige war jedoch ihr rechtes Hinterbein. Dieses war leicht verdreht. Mein Versuch sie wieder auf die Beine zu stellen führte dazu, dass sie einfach umfiel. Da sie auch Schmerzen hatte, gingen wir sofort zum Tierarzt, der nur wenige Meter vom Pferdehof entfernt seine Praxis hatte. Dort sagte mir der Doktor dann, dass es wohl wirklich nur ein Schock wäre. Leider vergaß ich in der Aufregung das Bein zu erwähnen. Also trug ich Osta in den Garten meines Vatis, legte sie auf eine Decke in den Halbschatten und ließ sie in Ruhe ein wenig schlafen. Das Schmerzmittel, welches sie bekommen hatte, half ihr dabei ein wenig. Alle 30 Minuten schaute ich nach ihr, gab ich auch etwas zu trinken und hoffte, dass sie sich langsam wieder erholte. Irgendwann sah ich, dass sie sich von ihrem Platz etwas entfernt hatte und freute mich darüber, in der Meinung, dass sie glaufen wäre. Da sie schlief, schaute ich erst später wieder nach ihr. Am frühen Abend dann wollte ich so langsam nach Hause. Osta konnte jedoch immer noch nicht stehen. Also rief ich meinen Tierarzt an, welcher jedoch nicht in der Nähe war. Also fuhr ich in die Tierklinik. Dort wurde Osta erst einmal sediert, sie war dehydriert und ihr Bauch war geschwollen. Also wurde ein Ultraschallbild gemacht. Die Diagnose war erschütternd. Die Leber war angerissen, innere Blutungen die Folge. Die Ärztin bescheinigte mir, dass Osta in der aktuellen Situation wohl sehr schlechte Chancen hätte.
Verzweifelt fuhr ich nach Hause, brachte Kora heim und nahm Mutti mit. Dann ließen wir Osta friedlich einschlafen. Ihr letzter Blick und ihre letzte Handlung galt meiner Mutti. Das Pfötchen ihrer Vorderbeines legte sie nämlich aus eigener Kraft in die Hand oder auf den Arm meiner Mutti.

Osta war zweifelsohne eines der liebsten und dankbarsten Geschöpfe, die ich jemals kennen lernen durfte.